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Partnerschaftsverein Biberach

Lager Lindele - Leben hinter Stacheldraht

Am 24. Oktober wurde die Kabinettausstellung zur Geschichte des Lager Lindele im Museum eröffnet.

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Aus Guernsey und Sark waren die ehemalige Deportierte Nellie Le Feuvre (vorne links) zusammen mit den beiden "Biberach Babies" Irene Shorrock (mittlere Reihe, 3.v.l.) und Dudley Bradley  (mittlere Reihe, 2.v.l.) nebst Familienangehörigen sowie James Baxter (2.v.r.), der Sohn eines britischen Offiziers, einer der damaligen Tunnelflüchtlinge, angereist.
Bei der Eröffnung vor rund 400 Personen sprachen OB Norbert Zeidler, Rotraud Rebmann für den Freundeskreis Guernsey im Städte Partner Biberach e. V. und Museumsleiter Frank Brunecker. Diese bewegenden Reden möchten wir Ihnen zugänglich machen.

Die Rede von Rotraud Rebmann
vom Feundeskreis Guernsey im Städte Partner Biberach e. V.
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  Einen interessanten, nachhaltigen Abend wünsche ich uns allen, hier und oben in der neuen Ausstellung.
  Ich darf einige Worte für den Biberacher Freundeskreis Guernsey innerhalb des Vereins Städte Partner Biberach sagen. Zu diesem feierlichen Anlass habe ich natürlich das Ehrenzeichen angesteckt, mit dem vor einem Jahr unsere Arbeit gewürdigt wurde. Vielen Dank noch einmal Ihnen, Herr Oberbürgermeister und dem gesamten Gemeinderat.

  Wir vom Freundeskreis freuen uns sehr über diese Ausstellung, die Sie Herr Brunecker, wie immer langfristig und sorgfältig vorbereitet haben. Wenn wir von unserer Seite etwas dazu beitragen konnten und weiterhin können, freuen wir uns noch mehr. Erste Reaktionen habe ich schon gehört, wie: „höchste Zeit – endlich!“.  Vielleicht ist es spät, aber nicht zu spät. Spät, aber nicht zu spät war es auch an jenem 9. April 1997. Ich war abends eingeladen zu einem Treffen, angeregt von Frau Sikora und kräftig unterstützt von Frau Engelhardt vom Kulturamt, das den Besuch von Deportierten und hier in Biberach Internierten von der Kanalinsel Guernsey vorbereitete. Die Gruppe war schon sehr weit – es waren Gastfamilien gefunden und Ideen für das Besuchsprogramm in der Schützenwoche angedacht. Aber, auf der anderen Seite war Funkstille. Ich wurde gebeten, die Lage telefonisch zu klären, allerdings sei die Sache sehr sensibel und ich müsse sehr diplomatisch sein. Ich machte mich noch am Abend daran - und dann was alles so einfach! Tom Remfrey, den viele inzwischen kennen, war am Telefon und versicherte: “yes, we are coming. It is the first time we have had an official invitation and we want to respond with pleasure“ – wir wollen mit Freude auf diese erste offiziellle Einladung reagieren. Es war die Rede von “a unique relationship“ und “reconciliation“ – von einer einmaligen, besonderen Beziehung und von Versöhnung.

  Ich habe zum ersten Mal erfahren, dass die Uhren auf den Inseln etwas anders gehen, aber dass eine ausgestreckte Hand ergriffen und herzlich gedrückt wird.

  Und sie kamen: 40 an der Zahl, darunter 4 von insgesamt 30 „Biberach Babies“ und Toms 11jähriger Enkel, der genauso alt war wie der Opa damals, 1942. Es waren berührende Begegnungen mit vielen persönlichen Gesprächen, mit Höhepunkten – außer dem Schützenfest – wie: Besuch bei der (damals noch) Bereitschaftspolizei mit Uhrturm und Lagermodell,  Aushändigung der Internierungspapiere aus dem Archiv,  Gottesdienst in Heilig Geist mit Besuch der 12 Gräber auf dem evangelischen Friedhof. Sie müssten alle einmal mit um das Lagermodell (es ist in der Ausstellung) gestanden haben, wenn  Einzelheiten zum Lagerleben und zu Ereignissen während  3 1/2 Jahren hinter Stacheldraht wiederbelebt werden. Reinhold Adler beschreibt das detailliert in seinem Buch. Zwar war es kein Konzentrationslager mit den Schrecken unserer Vergangenheit, aber Stacheldraht und Wachposten waren immer präsent. Familienväter waren zwar weitgehend dabei, aber getrennt untergebracht mit strengen Besuchszeiten. Mit der bekannten “stiff upper lip“ organisierten die Lagerinsassen den Alltag, die Betreuung der Kinder und die viele Zeit. Das Rote Kreuz war ein Segen für Versorgungspakete, Bücher, Instrumente. Aber auch vor Ort können wir froh sein über immer wieder positiv genannte Namen, wie Krankenschwester Anni Sigg, Ruth Oemer und die berühmten Dauerwellen, Dolmetscherin „Goldilocks“ und Zensorin Frau Kienzle, deren Tochter Frau Meinhardt aus Tübingen heute auch da ist. Der deutsche Lagerleiter „Otto“ Laib ist in aller Munde. Tom Remfrey  sagte einmal: „Wenn er einen Befehl erteilen musste, klang es wie eine Bitte“. Seine Enkelin, Frau Neher-Ott aus Abtsgmünd ist anwesend, und sie will auch morgen Abend bei uns sein.

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Nellie Le Feuvre und Rotraud Rebmann

Und wir haben noch weiter viel geschätzte Angereiste unter uns:
  Nellie Le Feuvre ist hier von der Insel Sark – die letzte noch Lebende von den 65 Deportierten dieser charmanten kleinen Insel. Einen Besuch auf Sark ohne Nellie kann ich mir persönlich gar nicht vorstellen. Nellie  war, 16jährig, mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder 1943 deportiert worden, und sie wussten nicht warum. Auch hier war es eine Vergeltungsaktion nach einem Kommandounternehmen aus England 1942. Nellie hat gleich drei verschiedene Lager kennengelernt: Compiègne, Biberach, Liebenau. Ihre Erinnerungen sind authentisch und auch nachzulesen. Morgen Abend wird sie Persönliches aus ihrem Büchlein erzählen.               Ihr Begleiter ist auch dieses Mal ihr Vetter, Dudley Bradley, geboren in Biberach heute in England lebend. Vielen Dank, Dudley, dass Du Nellie noch einmal zu uns bringst.

  Ein zweites, allerletztes „Biberach Baby“ ist heute Abend bei uns: Irene Shorrock mit Partner David aus England. Auch sie werden morgen Abend hier sein. Ihre Familie gehörte zu den nicht in Guernsey Geborenen, die 1942 als Vergeltungsmaßnahme für Internierungen Deutscher im Iran deportiert wurden.Während Deportierte aus Jersey direkt nach Biberach und später nach Wurzach kamen, führte der Weg der Guernseyer über das schreckliche Lager Dorsten. Irene allerdings ist erst in den letzten Kriegstagen in Ochsenhausen geboren, als man schon Geschütze der heranziehenden Besatzungstruppen hören konnte. Eigentlich sollte sie Patricia heißen – in guter irischer Tradition – Patrick for a boy, Patricia for a girl! Eine betreuende Nonne meinte aber: warum nicht Irene, das ist griechisch und bedeutet Frieden, denn sie hat uns den Frieden gebracht. Und deshalb heißt sie jetzt IRENE PATRICIA. Zwei ältere Brüder waren im Lager mit dabei, aber die beiden wollten nicht unbedingt wieder nach Biberach zurückkommen. Auch das muss man respektieren. Einer hat es dann doch noch geschafft aufgrund der Erzählungen der Schwester, und er war sehr froh darüber. Seine Witwe, 2 Söhne und eine Tochter sind heute auch da.

  Natürlich haben unsere Internierten auch von der Zeit davor und danach etwas mitbekommen: Stephen Matthews  wollte unbedingt an seinem 7. Geburtstag in die Baracke seines Vater mit einziehen, die berühmt-berüchtigte „Tunnelbaracke“ Nummer 6. Und dann wollte er den Tunnel wieder aufmachen. Für ihn – leider -  kam die Befreiung am 23. April 1945 zwei Monate zu früh, und der Tunnel blieb zu. Stephen hat uns sein Buch, aus Kindheitserinnerungen und dem Tagebuch seiner Mutter, in Biberach schon vorgestellt und lässt uns heute Abend recht herzlich grüßen.

   Für den Tunnel, der wohl die Unterbringung hier in Biberach herbeigeführt hat, haben wir bei uns James Baxter, den Sohn eines Tunnelflüchtlings, mit seiner Frau. Der Kontakt ist entstanden über unser Mitglied Stefan Rasser, der inzwischen Tunnelexperte und Kontaktperson zu über 20 Tunnelausreißern ist. James Baxters Vater hat zwar nicht gegraben, aber er hatte eine wichtige Aufgabe: die Wachen im Auge zu behalten! Durch den Tunnel hat er es zwar geschafft, wurde aber am Bodensee geschnappt. Er hat Gefangenschaften überlebt, ist 85 Jahre alt geworden und hat seinem Sohn viel erzählt. Auch James wird unserer Runde morgen Abend angehören. Seinen Kindertraum hat er sich erfüllt – er steht im Museumshof.

  Als Juden aus Bergen-Belsen ins Lager kamen, wurde den Guernseyern bewusst, dass es noch viel größere Not gab. Marietta Moskin, deren Buch Biberacher Schüler ins Deutsche übersetzt haben, berichtet von der Hilfsbereitschaft der Channel Islanders, und von Margaret Rose wissen wir, dass sie von ihrer Ersatzmutter gedrängt wurde, ihren Lieblingsschal für ein jüdisches Kind zu opfern.

  Nach dem 23. April 1945 war eine schnelle Heimkehr nicht möglich, denn die Inseln wurden erst am 9. und 10. Mai befreit und die Häuser waren besetzt. Somit führten Wege auch vom Lindele in die Stadt, die damals so weit weg war. Freundschaften konnten vertieft werden – beispielhaft sollen hier zwei im Wochenbett geschlossene stehen, die inzwischen in die 3. Und 4. Generation gehen, so bei den Familien Koch und Reisser – die Saat für die heutige Freundschaft war gelegt.

  Der Freundeskreis ist weiterhin an Kontakten und Erinnerungen hier vor Ort interessiert – dafür gibt es am 22. November hier in der Ausstellung eine Gelegenheit für Zeitzeugen.

  Wir freuen uns, dass vor der Polizeihochschule unsere Linde von 2005 gedeiht, dass auf dem Gelände selbst mit dem Uhrturm ein Denkort geschaffen ist – wohl gibt es demnächst noch mehr auch außerhalb? Im neuen Wohngebiet gibt es Guernsey Allee, Jersey Weg und Tunnelweg, am Stadtfriedhof eine Gedenktafel für im Lager Verstorbene, am Weingartenberg eine Ruhebank mit Inschrift, im Ratssaal eine Gedenktafel und heute einen Anteil in der Ausstellung.

  Beziehungen zur Insel sind gewachsen, unsere 4 Bürgerreisen waren nach wenigen Tagen schon ausgebucht. Musik ist ein verbindendes Medium. Beispiele reichen von der Teilnahme einzelner Jugendlicher beim Sommerkurs des Elizabeth College über Inselbesuche von Quintett, Nonett, Stadtkapelle, zu Chorknaben und Kantorei. Von drüben kamen größere und kleinere Ensembles des School Music Service – Orchester, Chöre. Und bei jedem Besuch wurde der Wunsch vorab geäußert, das ehemalige Lager zu besuchen.

   Polizeischüler waren auf der Insel und haben ein zweites Modell überreicht, das dort in der Biberach Stube des Occupation Museum steht. Das Jugendrotkreuz und die Jugendgruppe des Volksbundes der Deutschen Kriegsgräberfürsorge der Region haben Kontakte geknüpft. Die Gruppe der Young Ambassadors mit intensiver, publikumswirksamer Vor- und Nachbereitung waren beispielhaft.  Die Politik war etwas zurückhaltend, aber insgesamt waren drei Bailiffs und einige Regierungsbeamte hier und zwei Biberacher Oberbürgermeister haben beide etwas royalen Glanz beim Liberation Day erlebt, einmal mit Orden, der auch in der Ausstellung zu bewundern ist, von der Queen persönlich überreicht. Auch die Kirchen haben sich sehr stark engagiert in dieser wunderbaren Beziehung: Gottesdienste und Begegnungen, die unter dem Zeichen der Versöhnung standen, Pfarrer Göhner und Dekan Koepff standen auf der Kanzel in der zentralen Town Church, Peter Lane und Mark Trickey hier bei uns, Chöre sangen in Kirchen und auf dem Weihnachtsmarkt, ein gesticktes Bild, ein Unikat ist auch oben.

  Das Bemühen vom Freundeskreis ist es natürlich, die Flamme am Leben zu erhalten. Das Leid, das hier viele auch getroffen hat, soll nicht vergessen werden, denn „nur wenn man sich daran erinnert, hat alles Leiden einen Sinn gehabt“, wie Daniel Kehlmann in seinem ‘Tyll‘ jüngst schreibt.“ Und wir sind uns bewusst, gerade hier im Museum: „In der Zukunft ist die Vergangenheit latent“, wie es an einem Denkort in Passau zu lesen steht.

  Zum Schluss möchte ich noch einmal auf die Insel zurückkehren, wo am Liberation Day 2013 nach einem gemeinsamen Konzert von Verdis Requiem am Tag zuvor der Dekan beim feierlichen Gottesdienst in der Town Church einen besonderen Dank aussprach “ to the men and women of Guernsey and Biberach, who had the vision, energy and trust to offer the hand of friendship where once there had been hostility and hatred“ einen Dank den Männern und Frauen in Guernsey und Biberach, „die mit Weitsicht, Energie und Vertrauen die Hand der Freundschaft ausstreckten, wo einmal Feindschaft und Hass geherrscht hatten. Und im Fürbittgebet hieß es „We continue to pray for the President and people of Germany, and especially for the Mayor, Town Council and people of Biberach. Strengthen and use the bonds of friendship established with them as an example to all people of the fruits of reconciliation.“ – Das Gebet galt dem deutschen Bundespräsidenten und allen Deutschen, und ganz besonders dem Oberbürgermeister und Stadtrat von Biberach. Mögen die Bande der Freundschaft zwischen Guernsey und Biberach gestärkt werden und für alle Menschen beispielhaft sein für Versöhnung, die Früchte trägt.
Rotraud Rebmann                    

Veröffentlicht von Städte Partner Biberach e.V. am 03.11.2018 20:36