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Partnerschaftsverein Biberach

Lager Lindele - Leben hinter Stacheldraht

Am 24. Oktober wurde die Kabinettausstellung zur Geschichte des Lager Lindele im Museum eröffnet.
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Bei der Eröffnung vor rund 400 Personen sprachen OB Norbert Zeidler, Rotraud Rebmann für den Freundeskreis Guernsey im Städte Partner Biberach e. V. und Museumsleiter Frank Brunecker. Diese bewegenden Reden möchten wir Ihnen zugänglich machen.

Die Rede von Oberbürgermeister Norbert Zeidler
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Sehr geehrter Herr Abgeordneter Martin Gerster,
sehr geehrter Herr Brunecker,
sehr geehrte Frau Rebmann,
sehr geehrte Frau Reiser,
sehr geehrte Frau Zweil, (Vorsitzende Guernsey Ausschuss),
sehr geehrte Damen und Herren des Gemeinderats,
liebe Gäste der heutigen Ausstellungseröffnung.

„Die Enge des Bewusstseins ist eine soziale Forderung!“ – Franz Kafka… „Die Enge bei dieser Ausstellungseröffnung ist eine gesellschaftliche Pflichtaufgabe!“ – Norbert Zeidler – wir wollen ja wahrhaft zitieren. Ich danke Ihnen, dass Sie sich Zeit genommen haben, seien sie mir, dem Museumsteam und den Machern dieser Ausstellung mit einem „Grüß Gott!“ willkommen.

  Diese Ausstellung ist mir sehr wichtig und ich danke dem Museum, dass es diesen Im-puls aufgenommen hat, auch als eine Art Fortsetzung der großen Sonderausstellung „Nationalsozialismus in Biberach“. Sie ist ein weiterer wertvoller Beitrag unseres Museums, uns selber den Spiegel vorzuhalten. Darin ist ein Bild zu sehen, aus dem sich nichts weg-wischen, austilgen oder vergessen lässt. Dem müssen wir uns stellen – aber bitte nicht in der Erkenntnis, dass wir jetzt ja ohnehin bessere Menschen seien, sondern in dem wir darüber sinnieren, wie es soweit kommen konnte und was wir tun, um so etwas zukünftig bürgerschaftlich, gesellschaftlich zu verhindern.
 
Ich fungiere hier immer als Herold: zu aller erst ist es mir ein Anliegen, unsere Ehrengäste zu begrüßen. Ich freue mich sehr, eine Reihe ehemaliger Deportierter oder deren Nachfahren aus Guernsey und Großbritannien begrüßen zu können. Ihre Anwesenheit macht deutlich welch große Freundschaft trotz der schwierigen geschichtlichen Vergangenheit zwischen uns entstanden ist. Frau Rebmann wird Die alle nachher noch persönlich begrüßen - ich bin sicher, sie macht das mit ihrem Oxford - Englisch ohnehin viel charmanter als der OB.

Das Lager Lindele ist eines der dunkelsten Kapitel unserer Stadtgeschichte. Begrifflich bestimmt kein Konzentrationslager sondern ein Kriegsgefangenen- und Internierungslager …und doch: es gab auch hier in diesem Lager in unserer Stadt vielfache Kriegsverbrechen ebenso wie Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Besonders erschreckend ist, wie die Wehrmacht mit russischen Kriegsgefangenen umgegangen ist.

Eingerichtet zunächst 1939, dient das Lager Lindele zunächst als Kriegsgefangenenlager für britische Offiziere. Am 13.Septemer 1941 kommt es zu einem spektakulären Ausbruch – 26 Offiziere graben einen 50 Meter langen Tunnel und fliehen.

Im November 1941 wurden mehrere Tausend russische Kriegsgefangene, die in einem halb verhungerten, verwahrlosten Zustand waren, nach Biberach verfrachtet. 145 haben diese Internierung hier nicht überlebt, obwohl nur knapp vier Monate hier gefangen gehalten! Deshalb hat Biberach heute einen russischen Friedhof an der Memminger Straße.
Ein Mahnmal für alle Zeiten – hoffentlich!

Ab September 1942 wurden dann Bürgerinnen und Bürger der britischen Kanalinseln Guernsey, Jersey und Sack im Lindele inhaftiert – zum Glück unter der Beobachtung des Internationalen roten Kreuzes. Das Leben im Lager Lindele war hart, die Menschen litten unter der Enge, der Kälte, der fehlenden Privatsphäre und der ständigen Überwachung durch die Patrouillen. Und natürlich war es ein Unrecht, mehr als tausend Männer, Frauen und Kinder – ganze Familien – als Geiseln zu nehmen. 19 der Internierten von den Kanalinseln verstarben im Lager.

Vom Alltag im Lager zeugen in der Ausstellung Zeichnungen und Erinnerungsstücke der Deportierten, die noch nie in Biberach gezeigt worden sind. Ich bin beeindruckt, wie viel eindrucksvolles Ausstellungsmaterial das Museum zusammentragen konnte. Wir sind sehr dankbar für diese vielen wunderbaren Exponate, die wir als Leihgaben für unsere Ausstellung bekommen haben: von Biberacher Privatleuten, von Privatleuten aus Guernsey und Großbritannien, von den Guernsey Museums & Galleries und von der Hochschule für Polizei Baden-Württemberg. Vielen Dank, dass Sie alle mit Ihren Leihgaben diese Ausstellung möglich gemacht haben.

Dabei sind die meisten Ausstellungsexponate weder spektakulär noch wertvoll. Sie offenbaren ihren besonderen Charakter erst bei genauem Hinsehen, wie beispielsweise kleine, detailreiche Zeichnungen, die direkt in die bedrückende Enge einer solchen Baracke im „Lager Lindele“ hineinführen oder eine selbst genähte Stoffpuppe in Form einer Katze, die wohl ein Geschenk für eines der vielen Kinder war. In diesen kleinen Dingen werden Menschen deutlich. Auch Biberacher, die diese Gegenstände zum Teil als Geschenk von den Deportierten erhalten haben, weil sie sich ihnen gegenüber menschlich verhalten haben. Meine Damen und Herren: Das rührt!

Ja und ich möchte auch zum Ausdruck bringen, dass es in dieser an sich grauenhaften Zeit auch Lichtblicke gab. Trotz aller Hindernisse, bei aller Feindschaft und mitten in einem grausamen Weltkrieg – haben sich einzelne Deportierte und einzelne Biberacher mitmenschlich verhalten. Sie haben zuerst zarte Kontakte geknüpft, aus denen dann lebenslange Freundschaften erwuchsen. Das ist ein Glücksfall der Geschichte. Viele dieser Freundschaften halten bis heute, zum Teil in der dritten Generation.

Genau deswegen: Liebe Freunde von den Kanalinseln -Ihnen allen nochmals ein herzliches Willkommen. Ihre Anwesenheit adelt diesen Abend – richten Sie bitte die herzlichsten Grüße an meinen Freund Ihren Bailiff Sir Richard Collas aus. Unsere Beziehung ist etwas ganz besonderes, ein zum Teil bitteres Vermächtnis, aus dem wunderbares entstanden ist. Danke, dass Sie alle hieran mitgearbeitet haben und dies auch zukünftig tun wollen. Ich bin stolz, dass sich zwischen Guernsey und unserer Stadt in den letzten 70 Jahren seit Kriegsende diese intensive Partnerschaft und Freundschaft entwickelt hat.

Und gerade weil wir ein gemeinsames Vermächtnis haben muss daraus auch ein gemeinsames Gedächtnis werden. Über 700 junge Menschen gehen täglich Ihren Aufgaben als angehende Polizistinnen und Polizisten oben in der „Bepo“ -Volksmund, die sie schon seit 2015 aber nicht mehr ist nach. Eine Einrichtung voller Leben, die zu 100 % auf eine stabile Demokratie setzt und darauf gründet – eben genau dort wo vor 70 Jahren Menschenrechte mit Füßen getreten wurden. Das darf nicht vergessen werden.

Bevor das geschieht, ist es unser Anliegen, ein würdiges Gedenken – baulich, architektonisch, künstlerisch – zu ermöglichen. Ich freue mich sehr, dass wir hierfür mit dem Fachbereich Architektur an unserer Hochschule Biberach zusammenarbeiten können und so gerade auch junge Menschen in unsere Geschichte einbinden. Herr Prof. Löbermann führt in diesem Wintersemester ein Seminar mit Studierenden durch, an dessen Ende eine Reihe von Entwürfen für einen solchen Gedenkort auf dem Lindele stehen soll, die im Rahmen dieser Ausstellung im Februar 2019 im Museum präsentiert werden. Danach und auf dieser Grundlage beginnt der Entscheidungsprozess des Gemeinderates über dieses Vorhaben.

Abschließend möchte ich dem Team um Herrn Brunecker danken, hier für einige Monate einen Gedenkort und Nachdenkort geschaffen zu haben. Möglich geworden ist dies jedoch nur durch die großartige Unterstützung des Vereins Städte, Partner, Biberach mit seinem Freundeskreis Guernsey, der Guernsey Deportees Association sowie den vielen Exponat-Gebern. Vielen Dank!

Lassen Sie uns gemeinsam diese Ausstellung als mahnenden Blick auf unserer Geschichte verstehen, gleichzeitig aber auch unsere daraus entstandene kostbare Freundschaft – das höchste Gut, das uns das Schicksal gewährt – feiern.

   - Es gilt das gesprochene Wort -

Veröffentlicht von Städte Partner Biberach e.V. am 08.11.2018 13:04